Interview mit Prof. Dr. Klaus Becker über die Nutzungspotenziale der Ölpflanze Jatropha curcas
Herr Prof. Dr. Becker ist stellvertretender Geschäftsf. Direktor im Institut für „Tierproduktion in den Tropen und Subtropen“ an der Universität Hohenheim, sowie Leiter einiger Forschungsgruppen. Weiterhin ist er Geschäftsführer von JatroSolutions GmbH und JatroSelect GmbH. Beides sind Firmen, die sich mit der Erarbeitung von Konzepten für die integrierte Herstellung von Biokraftstoffen und Futtermitteln auf Ödland beschäftigen. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf Jatropha curcas.
Robert Böhm: Wie können Sie sich erklären, dass das Interesse an Jatropha curcas in der letzten Zeit so stark zugenommen hat?
Prof. Dr. Klaus Becker: Erklären kann man sich das dadurch, dass Jatropha eine Pflanze ist, die da wächst, wo sonst nichts wächst, nämlich auf degenerierten Flächen und insbesondere in den warmen Tropen. Somit werden aktuell vorhandene Konkurrenzen zu Nahrungsmittelpflanzen verhindert. Jatropha curcas nutzt ihre zur Verfügung stehenden Inputs besser und effizienter. Sie benötigt im Vergleich zu anderen Pflanzen weniger Wasser um eine Einheit Trockenmasse zu produzieren. Ein weiterer Anstoß für diese Renaissance von Jatropha ist, dass es mir 2002 gelungen ist, Daimler-Chrysler zusammen mit der DEG-Bank, eine Tochter der KfW, für das erste Forschungsvorhaben an Jatropha zu überzeugen. Dieses Projekt war der Start und zugleich ein Neubeginn, die Pflanze Jatropha curcas als Energiepflanze zu nutzen. Ab da sind die Leute dann hellhörig geworden.
Robert Böhm: Wo liegen die Nutzungspotenziale der Ölpflanze Jatropha curcas?
Prof. Dr. Klaus Becker: Jatropha curcas ist eine Pflanze mit vielen Nutzungsmöglichkeiten, bei ihr gilt das Prinzip „no waste“. Besonders dadurch wird der Anbau wirtschaftlich. Es gibt viele verschiedene Verwendungszwecke, die genutzt werden können. Dazu zählen nicht nur Biodiesel, sondern auch andere Anwendungsbereiche, die möglicherweise viel lukrativer sind als die Verwendung für Biodiesel selbst.
Robert Böhm: Ist dieses Potenzial ausgeschöpft? Wenn nicht, was sind die Hauptfaktoren dafür, dass das Potenzial nicht vollständig genutzt werden kann?
Prof. Dr. Klaus Becker: Nein, das Potenzial der Nutzbarmachung ist noch lange nicht ausgeschöpft. Die zukünftige Nutzbarmachung hängt stark davon ab, wie viel Wissenschaftsanstrengungen in diese Pflanze gesteckt werden. Aber es gibt genügend ernsthafte wissenschaftliche Gruppen weltweit, die an dieser Pflanze forschen.
Um den aktuellen Entwicklungsschritt von Jatropha als Kulturpflanze zu verdeutlichen kann man sie entwicklungstechnisch gut mit dem eines Wildschweines gleichsetzen, mit dem man heute auch kein modernen Mastbetrieb eröffnen würde. Deshalb ist bei Jatropha noch eine große Entwicklung möglich.
Robert Böhm: Was müsste passieren um diese Potenzial zu nutzen?
Prof. Dr. Klaus Becker: Man muss diese Pflanze domestizieren. Durch die neuen molekularbiologischen Techniken geht es schneller als bei anderen heutigen Kulturpflanzen wie Mais, Kartoffel oder Raps. Doch dieser Entwicklungsschritt braucht seine Zeit.
Robert Böhm: Gibt es Nachteile oder externe Effekte im Anbau von Jatropha curcas?
Prof. Dr. Klaus Becker: Es gibt überall Nachteile. Aber die Nachteile die wir bei Jatropha haben kann man auch gleich wieder als Vorteile sehen.
Manche Leute sagen die Toxizität, (Abwehrstoff sind Phorbolester) von Jatropha sei ein Nachteil. Doch die Giftigkeit ist der absolute Renner und eher ein Vorteil gegenüber anderen Pflanzen. Erstens gibt es bei dem Anbau auf extrem armen Flächen keine Beweidungsschäden durch landwirtschaftliche Nutztiere. Zweitens kann man den aus der Pflanze extrahierten Giftstoff momentan zu Marktpreisen von etwa 2000 US-$ pro 1Gramm veräußern. Mit entsprechenden Techniken, die auch schon vorhanden sind, kann man aus 1l Öl ca. 3 - 5g Phorbolester extrahieren. Das gewonnene Extrakt kann dann beispielsweise gut als Biopestizid in der Bio - und der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt werden.
Robert Böhm: Wo steht Ihrer Meinung nach der Jatrophaanbau und seine Nutzung in 5 Jahren?
Prof. Dr. Klaus Becker: Also meine Prognose wäre, dass wir in 5-6 Jahren erste zuverlässige Hybriden haben. Hybriden, die eine höhere Leistungsfähigkeit und einen höheren Ertrag aufweisen. Denn normalerweise gibt es für eine widerstandsfähige Wildpflanze wie die Jatropha, eigentlich keinen Grund unheimlich viele Samen, oder viel Öl zu produzieren. Doch durch Züchtung kann sich dies mit großer Sicherheit ändern.
Stichworte: Jatropha, Prof. Dr. Klaus Becker
