Sisal - Der Rohstoff der Sisal-Agave

Geschrieben von: Michael Pankratius


Sisal: Taxonomie und Verbreitung

Agave sisalana PERRINE (Sisal-Agave) ist eine ausdauernde Rosettenpflanze der Familie der Agavaceae (Agavengewächse) und die einzige von 300 Agave Arten, die als Faserpflanze und damit als nachwachsender Rohstoff weltweit Bedeutung hat.
Die Sisal-Agave ist in den Trockengebieten des mexikanischen Hochlandes beheimatet. Ihr Name geht auf die Hafenstadt Sisal zurück, die auf der Halbinsel Yukatan am Golf von Mexiko liegt. Dort hat der Sisalanbau seinen Ursprung. Heute wird die Pflanze in vielen tropischen und subtropischen Ländern, wie Brasilien, Kenia, Tansania und Madagaskar in geringem Maße angebaut. Präferenzzone ist zwischen 10 ° NB und SB.

Brasilien ist mit einer jährlichen Produktion von 130.000 Tonnen Sisalfasern das führende Anbauland. Damit ist der Anbau der Faserpflanze in Brasilien eine wichtige ökonomische Größe. Gerade im armen Nordosten des Landes sind rund 800.000 Menschen direkt und indirekt in der Sisalproduktion- und Verwertung beschäftigt. Weitere wichtige Anbauländer sind Mexiko (45.000 t/Jahr), China (36.000 t/Jahr), Tansania (24.000 t/Jahr), Kenia (25.000 t/Jahr) und Madagaskar (15.000 t/Jahr).
Die weltweite Produktion wird auf rund 300.000 Tonnen pro Jahr geschätzt und mit einem Umsatz von 75 Millionen $ beziffert.


Sisal: Geschichte

Sisal wurde bereits von den Mayas und Inkas zur Fertigung von Seilen, Netzen, Lassos und Bekleidung verwendeten. Als die Spanier von den nützlichen Fasern hörten, nannten sie sie Sosquil, eine Abänderung des Maya-Wortes Tsootquij. Jahre später änderten die Spanier den Namen in Sisal. Dieser Name geht auf einen alten Maya- Hafen zurück, der zur Verschiffung von Salz diente, nun jedoch für den weltweiten Export von Sisal genutzt wurde.
Aufgrund dieser Historie wird häufig kolportiert, dass Yucatàn die Heimat des nachwachsenden Rohstoffs ist. Jedoch konnte bisher noch kein Botaniker vor Ort den Wuchs von wilden Sisal-Agaven nachweisen und es gibt auch keinerlei botanische Sammlung, die Yucatàn als Heimat ausweisen würde. Diese Sammlungen und Berichte liegen von einem anderen Ort vor: Forscher gehen davon aus, dass die Heimat der Faserpflanze in Chiapas liegt.
Oftmals wird Sisal als Sammelname für die Fasern jeglicher Agavenarten bezeichnet. Besonders häufig im Zusammenhang mit der Henequén-Agave, die in Yucatàn noch eine größere Bedeutung hat. Jedoch handelt es sich bei der Henequén lediglich um den spanischen Namen der Agave fourcroydes LEM. Interessanterweise jedoch geht dieser Name (ausgesprochen: HEN ah kin) auf die Maya-Bezeichnung Kih zurück (variable Schriftweise: Kij oder Kiiw). Ebenfalls bekannt ist der Ausdruck Sakal, den die Mayas für die Kleidung verwendeten, die sie aus Henequén- Fasern woben. Eine gemeinsame botanische Vergangenheit mit der Agave sisalana scheint daher nicht ausgeschlossen.

Sisalfasern verarbeitet in Sisalteppich Sisalteppich

Sisal: Biologie und Habitus

Die Sisal-Agave bildet trotz extremer Internodienstauchung einen bis zu 1 Meter hohen Stamm, der in eine mächtige Blattrosette und langen Blütenschaft übergeht. Die sukkulenten  stachelspitzigen, starren Blätter erreichen eine Länge von 120 cm, sind bis zu 15 cm breit und gruppieren sich dicht und quirlartig um den Stamm. In der vegetativen Phase sprießen jährlich rund 15-20 neue Blätter, so dass sich oft über 100 Blätter an einem Stamm befinden. Nach 2 bis 4 Jahren sind die neuen Blätter Erntereif. Die Blätter enthalten Sklerenchym- und Leitbündelfasern, die durch ihre Verholzung zu den  Hartfaser zählen.
Agave sisalana wird bis zu 12 Jahre alt. In ihrem letzten Lebensjahr wächst ihr terminaler Sprossscheitel zu einem mächtigen bis zu sechs Meter hohen Blütenstand (Infloreszenz). An einem Blütenschaft sitzen tausende von gelblich grünen Blüten, die bis zu 6,5 cm breit werden und einen strengen Geruch absondern. Früchte werden nur selten ausgebildet. Wenn, dann entstehen in den Achseln der Blüten-Tragblättern Brutknospen (Bulbillen), die für eine Vermehrung der Pflanze sorgen. Jedoch vermehrt sich die Sisal-Agave zumeist vegetativ durch Schösslinge, die aus abgestorbenen Blätterachseln direkt an der Grundachse sprießen.
Agave sisalana gilt als plurienn-hapaxanthe Pflanze: Sie lebt rund 12 Jahre vegetativ. Nach einmaliger Blüte und Fruchtreife stirbt sie dann ab.

Standortbedingungen und Kulturmaßnahmen

In der Plantagenwirtschaft wird der Anbau aus praktischen Gründen auf 5.000 Pflanzen/ha limitiert, auch wenn eine Erhöhung des Anbaus bis zu 10.000 Pflanzen/ha positiv mit dem Faserertrag korreliert. Die Sisal-Agave wird in Doppelreihen ausgepflanzt und kann mit ringförmig um den Stamm geordneten Leguminosen oder anderen Stickstoff fixierenden Wurzeln  zusammen angebaut werden. Der Einsatz von Folie unterbindet Unkrautwuchs.
Die Sisal-Agave hat eine große Hitze- sowie Strahlungstoleranz und nur einen geringen Wasserbedarf. Ihr Temperaturminimum liegt bei 10 °C, ihre Frosttoleranz endet bei -4°C.
Die Pflanze wächst am besten bei einem pH-Wert des Bodens zwischen 5.5 und 6.5.
Nach dem Blattschnitt wird empfohlen, die Biomasse ungenutzter Blattteile als organische Reste wieder dem Boden zuzuführen.
Eine allgemeine Düngeempfehlung ist standortabhängig. Allgemein wird nach dem ersten Schnitt eine Düngegabe von 50-100 kg/ha Stickstoff, 0-120 kg/ha P2O5 und 30-60 kg/ha K2O pro Jahr in zwei Gaben empfohlen.
Feldexperimente in Kenia haben ergeben, dass bei gut bewirtschaftetem Anbau ein Ertrag vom 3,7 t/ha Sisalfasern in einem 74 Monatszyklus möglich ist, oder 6,8 t/ha bei einem Hybriden in einem 110 Monatszyklus.

Sisal – Krankheiten und Schädlinge

Pilzliche Schädlinge treten nur in feuchten Lagen auf. Zu nennen sind Aspergillus niger, der durch Schnittstellen eindringt und Stammfäule verursacht, Phytophthors ssp. und Colletotrichum agaves, die auf den Blättern parasitieren. Als Gegenmaßnahme werden im konventionellen Anbau häufig Kupferpräparate gespritzt.
Der einzige ernsthafte tierische Schädling ist der Sisalrüßler (Scyphophorus interstitialis), der aus Mexiko stammt, aber in allen Anbaugebieten vorkommt. Als wirkungsvolle Gegenmaßnahme hat sich die Behandlung der Pflanzlöcher mit Kontaktinsektiziden bewährt.

Sisalfaser – Ernte und Verarbeitung

Die Sisalernte beginnt im dritten Jahr, wenn die Agave rund 100 Blätter entwickelt hat. Meist wird nur einmal im Jahr geerntet, wobei der Erntezeitpunkt beliebig ist. Jedoch kann es bei guter Bewirtschaftung auch zu 3 Ernten pro Jahr kommen. In einem Erntedurchgang werden die äußeren Blätter mit einem Haumesser abgeschnitten, bis lediglich 20 Blätter übrig sind. In den folgenden Jahren werden nur 25 Blätter geerntet.
Die stacheligen Spitzen werden entfernt und die Blätter gebündelt.
Nach dem Schnitt der fleischigen Blätter entfasert man diese im noch frischen Zustand maschinell. Dadurch gewinnt man die an den Leitbündeln anliegenden 1 bis 2 Meter langen Faserbündel. Der Anteil der trockenen Faser am Gesamtgewicht der frischen Blätter beträgt 4 bis 7 Prozent. Pro Blatt rechnet man mit bis zu 1000 Fasern.
Nach dem Entfernen erfahren die Fasern eine Wasserröste, indem sie bis zu 10 Stunden in Wasser gelegt werden um Chlorophyll und Pektine auszuwaschen.
Nach dem Trocknen an der Sonne werden die glänzend gelben Fasern durch Schlagen und Kämmen vom restlichen Parenchymgewebe befreit und somit wieder geschmeidig.

Sisalfaser - Eigenschaften und Nutzen

Sisalfasern lassen sich aufgrund ihrer Kürze und Dicke außer zu groben Fäden kaum verspinnen. Sie sind mehrzellige, gerade Fasern mit einem Zellulosegehalt zwischen 55 und 65 Prozent. Charakteristisch ist ihr Steifigkeit, wodurch die Faser recht zäh und reißfest ist, aber auch gröber und härter als andere Pflanzenfasern.
Die Sisalfaser oder der Sisalhanf dient zur Herstellung von Bindegarn und Seilen sowie allem, das sich daraus fertigen lässt: Netze, Taue, grobe Säcke, Bürsten, Pinsel, Hängematten, Möbelstoffe und Teppiche. Als Füllstoff z.B. für Matratzen hat sich Sisal noch nicht durchgesetzt. Relativ neu und noch in der Versuchsphase ist Sisal als Teil von Faser-Kunststoff-Verbund-Werkstoffen.
Mengenmäßig ist die Sisal-Agave die fünftwichtigste Pflanzenfaser der Welt.

Weitere Sisalarten

Neben Agave Sisalana werden weitere Arten zur speziellen Fasergewinnung angebaut, jedoch ist ihre Bedeutung recht gering. In Mexiko und Kuba wird die weißblättrige Agave fourcroydes LEM (Henequen-Agave oder Silber-Agave) zur Bindegarnherstellung kultiviert.
Auf den Philippinen und Java wird Agave cantala ROXB. (Kantala-Agave) angebaut, die feinere Fasern als die Sisal-Agave besitzt.
In El Salvadore hat Agave angustifolia var. Letonae (Letona-Agave) eine größere Bedeutung und liefert Rohstoff für Bindegarn und Seilerwaren.
Fucraea foetida (L.) (Mauritiushanf) und F. macrophylla BAKER (Fiquefaser) sind beide weichere Fasern als Sisal und dienen zur Sackfabrikation.
In Mexiko dienen bestimmte Agavearten insbesondere Agave atrovirens zur Alkoholgewinnung. Aus dem süßsäuerlichen Saft, der aus den Wunden junger Blütenschäfte gewonnen wird und 9-12 Prozent Rohrzucker enthält wird das Mexikanische Nationalgetränk Pulque bereitet. Aber auch Schnaps, Wein, Mezcal oder Tequila werden aus den Säften anderer Agaven gewonnen.

[Update:  25.03.2012 Die Redaktion von nachwachsende-rohstoffe.biz erweitert ihr Angebot auf http://sisalteppich.de.]

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Datum: Dienstag, 2. November 2010 21:33
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